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MÄRKISCHER MARKT vom 28.03.2007, Seite 7Endstation am Rande des Dorfes
Umgeschaut auf dem Tierschutz- und Gnadenhof "Letzte Zuflucht"
Kunersdorf. Angefangen hat es vor etwa fünf Jahren. Da fanden sich einige Enthusiasten zusammen, hoben den Verein aus der Taufe. Und ersteigerten später zielgerichtet das Gelände in Kunersdorf. Seither ist die ehemalige MTS (Maschinen-Traktoren-Station) am Rande des Dorfes gewissermaßen eine Dauerbaustelle. Der Gnadenhof als Heimstatt für Tiere aller Art nimmt in immer mehr Details konkrete Formen an, und neben den Unterkünften für die Vierbeiner und gefiederten Freunde entstehen auch einige Räume für die sie betreuenden Menschen. Es geht voran, Stück für Stück: "Aber auf dem riesigen Gelände sind die kleinen Fortschritte nicht immer gleich zu sehen", wie Burkhardt Stimming sagt. Er ist der Mann vor Ort, der sich um alles kümmert. Seit drei Jahren sehen er und seine Frau die weiter in Basdorf lebt, meist nur am Wochenende: "Es muss ja ständig jemand hier sein, der aufpasst und sich um alles kümmert", erklärt Stimming. Immerhin ist der Tierschutz und Gnadenhof nun auch anerkannter Ausbildungsbetrieb der IHK Frankfurt, beschäftigt einen Lehrling und eine junge Frau in einer Qualifizierungsmaßnahme, die dann wohl auch als Azubi übernommen wird. Ginge es danach, dass sich Menschsein auch daran messen lassen muss, wie wir mit unseren Mitkreaturen umgehen - es würde mitunter ein trauriges Licht auf die angebliche Krone der Schöpfung werfen. Fast jeder der Bewohner des Kunersdorfer Geländes könnte eine Geschichte erzählen, die entweder das Wasser in die Augen treibt oder die Haare zu Berge stehen lässt. Von artgerechter Haltung scheinen manche noch nie das Geringste gelernt zu haben, mitunter gibt es sogar schwere Misshandlungen. Stimmung und seine Mitstreiter im Verein nehmen Tiere auf, die in keinem Tierheim mehr vermittelbar wären. "Hier ist Endstation." Es ist eine lapidare Feststellung, und keineswegs eine schlimme. Denn Endstation bedeutet, dass den Hunden, Katzen, Schweinen, Ziegen, Vögeln und Schafen für den Rest ihres Lebens angemessene Bedingungen geboten werden - oftmals sogar wesentlich bessere, als sie vorher je kennengelernt haben. Sonderfälle sind sie im Grunde alle, hinter den meisten stecken tragische Schicksale. Nun haben sie ein Zuhause, wo sie auf Fürsorge und menschliche Zuwendung bauen können. Die "Letzte Zuflucht", wie der Verein den Gnadenhof genannt hat, will genau eine solche sein. Da ist zum Beispiel Tobi, der schwarze Dackelspitz, der aus Hellersdorf kam. "Mann hatte ihn als Welpen in Polen gekauft", erzählt Burkhardt Stimming, "kam nicht mit ihm zurecht." Die Misshandlungen durch seine früheren Besitzer haben Tobi verhaltensgestört gemacht, er ist unsicher, ängstlich, misstrauisch. Jeder, der seine Geschichte hört, kann es ihm verdenken. So wie er bellt auch Asta erst einmal jeden Besucher scheinbar angriffslustig an. Elf Jahre alt ist sie, ein Spitz und auf den ersten Eindruck auch eine für die Kategorie "Sonderling". Ihr Herrchen war gestorben, niemand aus der Verwandtschaft wollte sie haben, auch sonst war Asta nicht vermittlungsfähig. Aber ein schöner Hund und eine absolut treue Seele, wie Stimming feststellen konnte, nachdem sich die Spitzdame erst einmal ein halbes Jahr an ihn gewöhnt hatte. Astor blickt aus funkelnden Augen aufmerksam durch die Stäbe des Gitters. Er ist ein Prachtexemplar von einem Rottweiler, das sieht selbst ein Laie. Bei seiner Ausbildung waren die damaligen Besitzer überfordert, Astor wurde ein Problemfall, galt gar als bösartig. Ein neues Zuhause war damit nicht zu finden, nun lebt er in Kunersdorf, hat dort noch eine Aufgabe, darf auch ein bisschen Wächter sein. Ein Tier zu halten, bedeutet große Verantwortung, muss artgerecht erfolgen und ist eine Aufgabe, der man sich nicht einfach entledigen kann. Das vergessen viele, wenn sie sich einen süßen Welpen oder einen anderen Vierbeiner zulegen, der dann vielleicht noch schneller wächst als gedacht und größer wird, als man sich je vorgestellt hat. Dass eine Wohnung kein geeigneter Platz für ein Minischwein ist, sollte zwar jedem klar sein - ist es offenbar aber nicht. So wurde Pistole, der niedliche Mix aus Hängebauch- und Wildschwein, in Berlin-Reinickendorf in einer Telefonzelle ausgesetzt gefunden. Und kam schließlich auch nach Kunersdorf. Noch mehr Schweinchen unterschiedlicher Art leben auf dem Hof, allesamt aus Verhältnissen stammend, die für ein solches Lebewesen generell ungeeignet sind. Nun haben sie ein Zuhause, das ihren Bedürfnissen angemessen ist, und das zu zufriedene Grunzen der dunklen Gestalten, wenn sie sich durchs Stroh wühlen oder von Burkhardt Stimming streicheln lassen, spricht für sich. Neun Minischweine, 15 Hunde, fünf Katzen, dazu Vögel, Ziegen, Schafe und Kaninchen. Sie alle wollen versorgt sein, und an der Verbesserung der Unterkünfte wird konsequent gearbeitet. Jeder der Hunde hat drinnen und draußen sein eigenes kleines Reich, durch eine Klappe getrennt. Zudem gibt es alle acht Stunden geregelten Auslauf. Ohne Unterstützung aus der Bevölkerung ließe sich dies und die artgerechte Verpflegung der Tiere nicht ermöglichen. Also gibt es im Verein neben den sieben Gründern als harter Kern mehrere Fördermitglieder, ansonsten wird um Spenden geworben - keine leichte Angelegenheit, wie Stimming anmerkt. Ein gewisses Potenzial ist zwar vorhanden, doch wollen die meisten Leute konkret angesprochen werden, kommen nicht von selbst. Was die Hilfe bewirkt, kann jeder auf dem Areal am Rande von Kunersdorf sehen. Stronzo wäre zwar vielleicht doch lieber in Italien, woher er stammt. Doch von da hatten Leute den Straßenhund für stolzes Geld nach Deutschland geholt, nur um kurz darauf festzustellen, dass sie mit ihm nicht zu Recht kamen. Stronzo ist ein unabhängiger Geist - und ein Schauspieler auf vier Beinen, der weiß, wie man mit einem traurigen Augenaufschlag Leuten ein paar milde Gaben entlockt. Verspielt und lustig ist er, fühlt sich wohl. Vermittelbar auch er nicht - Stimming hatte es seinerzeit mal versucht, doch nach einem halben Jahr war Stronzo wieder da. Körperlich und seelisch so kaputt, dass es geraume Zeit brauchte, ihn wieder aufzupäppeln. THOMAS BERGER |
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